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E-Zigaretten: Der angenehme Sündenbock

Die Reisebranche ist wahrscheinlich der frustrierendste Geschäftsbereich für Menschen auf der ganzen Welt. Es spielt dabei wirklich keine Rolle, woher man kommt. Ob aus Malaysia oder aus den USA, allzu oft hört man Horrorgeschichten von Leuten, die viele Stunden, wenn nicht sogar Tage, auf ihre Abfahrt warten mussten. Stornierungen, extreme Verzögerungen, verlorenes Gepäck usw. sind nur einige der unerwünschten Ereignisse, für die sich die Reisebranche einen Namen gemacht hat. Obwohl es durchaus richtig ist, dass solche Ereignisse nur einen Bruchteil der gesamten Reisen ausmacht, ist es dennoch empörend, wenn man sich die Zahlen vor Augen hält. Beispielsweise behaupten Reiseanalysten immer wieder, dass die Quote verloren gegangener oder zu spät ankommender Gepäckstücke unter 1% pro Jahr liegt. Allerdings lag die Gesamtzahl bei über 20 Millionen Gepäckstücken. Das sind dann doch sehr viele Menschen, bei denen die Reise unangenehm verkaufen ist.

Leider war es erst in der vergangenen Woche,  als Reisende diese Mängel der Reisebranche erleben mussten – eine fünfstündige Verspätung der Ankunft des Eurostar-Zuges von London nach Paris, dessen Verspätung eigentlich eine Stunde nicht hätte übersteigen sollen. Aber warum hat diese Geschichte unsere gesamte Aufmerksamkeit erhalten? Vielleicht denken Sie ja etwas wie: Bei einem solch großen Unternehmen sind fünf Stunden Verspätung doch nicht schlecht? Oberflächlich betrachtet, würden Sie natürlich Recht behalten. Als wir allerdings den Grund erfuhren, wie sich Eurostar für diese Verspätung entschuldigte, mussten wir einfach darüber schreiben. Der Grund für die fünfstündige Verspätung: E-Zigaretten natürlich.

Bevor wir mit unseren Beschimpfungen loslegen, lassen Sie uns noch eine Sache klarstellen. Ob Dampfen oder Rauchen oder ob es andere Aktivitäten sind, die im Allgemeinen in den meisten öffentlichen (und privaten) Orten als ‘nicht zulässig’ gelten, halten Sie sich an die Regeln. Nicht Rauchen. Nicht Dampfen. So einfach wäre das.

Folgendes wissen wir nun aus dem Debakel im Eurostar Zug. Ein Fahrgast hat in der Toilette eine elektronische Zigarette gedampft und er/sie somit den integrierten Feueralarm ausgelöst. Das war’s.  Mehr war an der Sache nicht dabei, zumindest in Bezug auf E-Zigaretten. Was dann geschah, lag völlig in der Kontrolle von Eurostar.

Glücklicherweise folgte die Besatzung den vorgegebenen Sicherheitsschritten. Der Zug fuhr auf ein Nebengleis und die Stromversorgung wurde aufgrund eines möglichen Brandes gekappt. Auf den ersten Blick scheint es also, als müsste man tatsächlich die E-Zigarette verantwortlich machen. Aber. Zwar ist es vollkommen richtig, dass der Passagier keine E-Zigarette hätte verwenden dürfen, doch für eine fünfstündige Verspätung kann dieser Fahrgast definitiv nicht zur Verantwortung gezogen werden.

Eurostar ist ein großer Mischkonzern, der Jahr für Jahr Millionen Menschen seine Dienste erweist. Sie beauftragen hunderte, wenn nicht tausende Ingenieure. Dieser Zug hätte innerhalb einer Stunde wieder betriebsbereit sein sollen. Es war nur ein kleiner Schnitt, den die Besatzung an der Stromversorgung durchgeführt hat. Ein Team von Eurostar hätte die Stromzufuhr relativ einfach wieder herstellen können.

Aber wie Sie wissen sollten, hat Eurostar auch ein Geschäft und einen Ruf zu schützen. Gibt es dafür denn einen besseren und bequemeren Weg, als aus dem E-Zigaretten den neuen Sündenbock zu machen?